Proben zu Peter Weiss / The Trotsky Rehearsal

Achim Lengerer

«Jedes Wort, das ich niederschreibe und der Veröffentlichung übergebe, ist politisch, d. h. es zielt auf einen Kontakt mit größeren Bevölkerungsgruppen hin, um dort eine bestimmte Wirkung zu erlangen. Auf meine Mitteilung, die ich einem der Kommunikationsapparate übergebe, folgt die Verarbeitung meiner Mitteilung durch die Konsumenten. Die Art, in der meine Worte aufgenommen werden, ist weitgehend bedingt von der jeweiligen Gesellschaftsordnung, unter der sie verbreitet werden…»
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 Peter Weiss, 10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt, 1965
 

Proben zu Peter Weiss basiert auf Achim Lengerers Recherchen zu Ästhetiken des politischen Sprechens im Zusammenhang mit dem Theaterstück Trotzki im Exil (1970) des Schwedisch/Deutschen Autors Peter Weiss (*1916; †1982). Das selten gespielte und heute fast vergesse Trotzki im Exil führte schon während der Proben und vor der eigentlichen Uraufführung im Januar 1970 zu literarisch/politischen Auseinandersetzung in beiden Teilen Deutschlands. Der in der DDR bis dahin zum Theaterrepertoire zählende Weiss wird aufgrund des Stücks zur Persona non grata erklärt. Im Westen wird er von der Presse belächelt, man wirft ihm bourgeoisen Schreibtischmarxismus vor.
Die Düsseldorfer Generalprobe wird von einer Gruppe linker Studenten (der Künstler_innengruppe LIDL) gestürmt, die Probe muss abgebrochen werden. Als Reaktion auf die Auseinandersetzungen beginnt Weiss mit der Arbeit an dem 3-bändigen Roman Ästhetik des Widerstands.
Als Ausgangspunkte für die Leseprobe dienen - neben Trotzki im Exil - Schrift- und Tonaufzeichnungen wie Briefwechsel, Presseartikel, Tagebucheintragungen und Überwachungsberichten aus verschiedenen archivarischen Quellen. Die Teilnehmer_innen wählen Text- und Archivfragmente aus. Im Zentrum steht das gemeinsame performative Erarbeiten und die Diskussion der Texte vor dem gesellschaftlichen sowie persönlichen Hintergrund der Jetztzeit. Das Format der Leseprobe verweist dabei auf die Praxis der Arbeits- und Lesegruppen, die sich Ende der 60er Jahre in studentischen Milieus formierten sowie Lesegruppen zu Weiss‘ Ästhetik des Widerstands in den 1980er Jahren.

Achim Lengerer lebt als Künstler in Berlin. In seiner künstlerischen Praxis setzt er sich mit verschiedenen Wirkungs- und Funktionsweisen von Sprache und Text auseinander. Neben Performances, Rauminstallationen und Publikationen gehören Workshops, performative Vorträge und öffentliche Veranstaltungen zu seinen Ausdrucksformen. Lengerer gründete verschiedene kollaborative Projekte wie die freitagsküche in Frankfurt und voiceoverhead (mit Dani Gal). In Berlin betreibt er den Ausstellungsraum und Verlag Scriptings. Zur Zeit promoviert Lengerer am Goldsmiths, University of London, UK, zum Format der kollektiven Probe als künstlerisches sowie politisches Modell für potentielle gesellschaftliche Verhandlungsräume. 
http://www. scriptings.net/

Bildkommentar: «Lauren», Proben zu Peter Weiss/The Trotsky Rehearsals, Gasworks, London, UK, 2013

Short blurb English:
«The Trotsky Rehearsal» is based on Lengerer’s ongoing Ph. D. research about the «rehearsal» as an artistic method as well as socio-political format at Goldsmiths University, London, UK. In an open Cold Reading session the artist will present, discuss and perform together with participants various forms of historical documents about the controversial reception of the play «Trotsky in Exile» by Swedish/German writer Peter Weiss (1916-1982). Being rarely performed and almost forgotten today, «Trotsky in Exile» , already before and during rehearsals for the world premiere in January 1970, led to political disputes in both parts of Germany. In the GDR, Weiss was declared persona non grata, in the West ridiculed by the press as the author of «bourgeois Marxism». The Düsseldorf dress rehearsal of the play had to be aborted after a group of leftist students stormed in. The Cold Reading (much in the spirit of Brecht’s Lehrstücken) will emphasize the collective process of performing and rewriting the play based on the various inputs of the participants. 

 

Mit Achim Lengerer und Teilnehmer_innen

! Offene Leseprobe von 18 bis 21 Uhr mit Achim Lengerer und Teilnehmer_innen.
Wer teilnehmen möchte, der melde sich bitte an unter: office@winkelwiese.ch
Die Leseprobe findet in deutscher Sprache statt. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Vorstellungen

Di, 01.12.2015
18:00