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SABINE WEN-CHING WANG

GESPRÄCH ZWISCHEN SABINE WANG UND STEPHAN ROPPEL

Stephan Roppel: Dein Stück hat einen bemerkenswerten Titel: Hund Hund. Gemeint ist ein Hund mit Namen Hund. Kein Struppi, kein Mops, kein Hasso. «Du sollst Dir kein Bildnis machen, das ist das Lieblose, der Verrat», sagte Max Frisch. Was bedeuten Namen und Bezeichnungen für die Beziehungen der Menschen aus Deiner Perspektive?

Sabine Wang: Der Name ist das erste Bild, das sich jemand von uns macht. Namen stehen vor der Geburt fest, ohne dass man das Kind je gesehen hat. Vielleicht zeugt man überhaupt nur Kinder, um einen Namen loszuwerden, den man im Kopf hat?

Taufen ist immer Liebes- und Gewaltakt zugleich. Spitznamen können freundlich oder entwertend sein, in der Verliebtheit vermutet man hinter dem Namen des Andern einen ganzen wunderbaren Kontinent, und verhält es sich mit dem Namen nicht wie mit dem Körper? – man ist selbst nie zufrieden damit.

Sich ein Bild(nis) zu machen, ist nicht nur lieblos, es ist auch das Gegenteil. Wir brauchen den Andern, den Spiegel, die Bilder. Jene Bilder, die sich andere von uns - und jene, die wir uns von uns selber machen. Unser «Ich» konstruiert sich laufend und in ständigem Widerstreit daraus - wahrscheinlich ist es das, was uns lebendig hält.

«Hund Hund» handelt von Autorschaft im weiteren Sinn, derjenigen über das eigene Leben.

Dass ausgerechnet der Hund, der keinen Namen besitzt, sondern nur heisst, was er ist, zum Katalysator dieser Geschichte wird – damit wären wir wieder bei Frisch.

Stephan Roppel: Es gibt viele Pausen in Deinem Stück. Momente, in denen die Menschen nicht sprechen. Du hast im Interview zu deinem Stück «Spinnen» 2004 gesagt, dass Dich der Leerlauf des Sprechens an der Figur der Ruth interessiert hat. Inwiefern hat sich Deine Haltung gegen- über den Möglichkeiten der Sprache geändert seither? Was lässt sich mit Sprache ausdrücken, was nicht?

Sabine Wang: In «Spinnen» hat der Leerlauf des Sprechens mit dem Charakter – oder Zustand – der Figur Ruth und der Örtlichkeit der Psychiatrischen Klinik zu tun. Während sich Ruth aus diesem Ort herausredet, erzählt sich Micheline in «Hund Hund» beharrlich in Ingrids Loft hinein. Die Bewegung ist eine andere, das macht den Unterschied in der «Sprechtemperatur» der beiden Stücke aus.

Ich mag Pausen, Lücken und Brüche im (Bühnen-)Gespräch, Schweigen, verschluckte Wörter, wie jemand sich auf die Zunge beisst, der Körper – oder auch nur der Ton - etwas ganz anderes sagt als das Wort. In dieser Reibung zwischen Text und Subtext liegt für mich der Reiz des Theaters, wie sich im Gesagten das Ungesagte – Zuneigung, Ärger, Schmerz - verbirgt, und die Komik, die dabei entsteht. Und ich habe das Glück, in Beatrix Bühler eine Regisseurin gefunden zu haben, die darin eine wahre Meisterin ist.

Stephan Roppel: Wozu sprechen die Menschen in Deinem Stück? Wollen sie die Fremdheit überwinden? Ist Sprache dafür ein geeignetes Mittel?

Sabine Wang: «We are language species», schrieb Les Murray in einem Gedicht, das von einem früheren Job in einem Übersetzungsinstitut erzählt.

Es gibt diesen zu überwindenden Moment der Fremdheit, wenn jemand sich in Bus oder Bahn neben uns setzt. Sachlich mag die Frage «Ist hier noch frei?» absurd sein, doch nicht der Inhalt ist entscheidend, sondern der Ton, in dem jemand das sagt, und der Respekt, den er bezeugt, indem er diesen Effort auf sich nimmt. Das baut Misstrauen ab, das wir gegenüber dem Andern, der in unsere «Sicherheitszone» dringt, immer haben.

Natürlich könnte man auch nur lächeln, aber Worte fallen einem wie selbstverständlich aus dem Mund. Die Sprache ist das naheliegendste und - sobald der zu verhandelnde Gegenstand einen gewissen Abstraktionsgrad erreicht – auch das einzige Mittel, das uns (und meinen Figuren) zur Verfügung steht.

Stephan Roppel: Gibt es in Deinem Stück einen zuverlässigen Erzähler? Gibt es überhaupt auf der Welt irgendeinen zuverlässigen Erzähler?

Sabine Wang: Erlaube mir mit einer Geschichte zu antworten, an der ich kürzlich schrieb: Vater hatte frisch geschossene Enten heimgebracht, die Mutter nicht rupfen konnte. Meine Grossmutter aus Taiwan war gerade zu Besuch, so übernahm sie das. Mutter lehnte an der Spüle, ich in der Tür, zwischen uns kauerte A-ma und rupfte die Enten in einem Becken, das auf dem Boden stand. Wir sahen beide zu, wie sie rupfte und rupfte, bis die Enten, nun mehr Fleisch als Tier, im schmutziggrauen Wasser lagen und sie sich aus der Hocke erhob. Mutter trat auf sie zu, als wolle sie ihr die Hand schütteln, sagte jedoch nur «Danke», dafür zwei Mal und extra laut, wie man es tut, wenn man weiss, dass der andere einen nicht versteht – das schrieb ich alles auf.

Dann fiel mir nicht mehr ein, wer die Enten ausgeweidet hatte. Das wisse sie nicht, sagte meine Mutter, die andern zwei hätten alles gemacht, sie sei gar nicht dabei, gar nicht in der Küche gewesen.

Ich bin sicher, dass Mutter an der Spüle lehnte, als A-ma die Enten rupfte und Vater aus dem Haus gegangen war - so steht es schliesslich in meiner Geschichte.

Stephan Roppel: Die zweitletzte Szene spielt nachts. Draussen. Wie 2004 Robbi sieht da jemand wieder von draussen auf Fenster, nur flimmert diesmal nicht mal mehr ein Fernseher, sondern die Fenster sind dunkel. Ist die Einsamkeit, welche die Figuren umgibt, grösser geworden oder vielleicht auch die Freiheit? Es kann ja auch schön sein, nachts allein zu sein. Wie siehst Du das?

Sabine Wang: Freiheit, ja. Letzten Winter, als ich einmal nachts gearbeitet habe, hat es geschneit. Ich habe frühmorgens hinausgeschaut und den Schnee auf der Strasse liegen sehen. Kein Mensch, kein Hund, kein Auto hatte darin seine Spuren hinterlassen, der Pflug war noch nicht da, der Schnee lag völlig unberührt - wunderschön.

Vielleicht lag die Schönheit in der Lust, als erste über diesen Schnee zu gehen, oder auch nur in der Vorstellung davon – als ich es gesehen habe, ging ich nämlich nicht raus, sondern ins Bett.

Sabine Wen-Ching Wang, geboren 1973, lebt in Zürich. 2001/2002 absolvierte sie das Autorenprojekt Dramenprozessor, in welchem ihr Stück «Spinnen» entstand. Jüngste Arbeiten sind: «La Cérémonie» – ein Hausmädchenchor und bern-züritütsch-deutsch-chinesisches Kasperlitheater nach Chabrol (400asa/Peng Hao Theatre, Zürcher Theaterspektakel 2010, Pro Helvetia «China 2008-10»), «Das grüne Küken» (Theater Katerland, Longlist Deutscher Kindertheaterpreis 2010). 2010 erhielt sie das Aufenthaltsstipendium Berlin der Zuger Kulturstiftung Landis&Gyr.

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